Was hilft gegen Migräne?

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Was hilft gegen Migräne?

Was hilft gegen Migräne?

Ernährung als Therapie (-option)

Kann die Ernährung bei Migräne wirklich helfen? Vor 10 Jahren hätte ich diese Frage noch rigoros verneint.

Ich habe mich nach den üblichen Empfehlungen gesund ernährt. Die DGE (Deutsche Gesellschaft für Ernährung) wäre stolz auf mich gewesen. Ich habe alles vertragen, hatte keinerlei Verdauungsbeschwerden und war normalgewichtig. Allerdings war ich eine Ständig-Esserin. Nach dem Essen wurde ich schnell wieder hungrig und wenn ich Hunger hatte, bekam ich sofort Migräne.

In diesem Artikel erfährst du, warum es Sinn macht, sich bei Migräne mit seiner Ernährung zu beschäftigen, welche Ernährungsformen bei Migräne und chronischen Kopfschmerzen helfen können und was die Gründe dafür sind.

Stand der Schulmedizin: Ernährung bei Migräne

Was sagen denn eigentlich die zuständigen Ärzte, also die Neurologen, zum Einfluss der Ernährung auf die Migräne?

In den ärztlichen Leitlinien zur Migränetherapie [1] findet sich die Ernährung als Punkt „Alimentäre Diäten“ in dem Kapitel „Verfahren ohne (bisherigen) Wirksamkeitsnachweis“. Im selben Abschnitt wird allerdings eine Studie zitiert, die signifikante Verbesserungen einer Eliminationsdiät zeigt. 😳

Auch wenn es etwas abgedroschen klingt: „Wir sind, was wir essen!“ Jedes Stück Haut, jede Hirnzelle, ja sogar alle Neurotransmitter und Hormone entstehen aus dem, was wir essen und verdauen. Neurotransmitter und Hormone haben einen immensen Einfluss auf unsere Gefühle und unser Wohlbefinden. Wenn man sich dies bewusst macht, dann ist es meines Erachtens nur folgerichtig, die Ernährung in die Therapie ALLER Krankheiten miteinzubeziehen.

Tatsächlich gibt es eine Vielzahl von Studien, die darauf hinweisen, dass Migräne mit dem Stoffwechsel, dem Blutzuckerspiegel und/oder mit einem Energiedefizit im Gehirn zusammenhängt.

Migräne – ein Stoffwechselproblem?

Eine Untersuchung von 2005 [2] legt z.B. nahe, dass Migräniker:innen ein Problem mit (schnellen) Kohlenhydraten haben. Essen wir Kohlenhydrate, dann brauchen wir das Hormon Insulin. Insulin senkt den Blutzuckerspiegel, indem es dafür sorgt, dass der Zucker bzw. die Glukose, also die in kleine Teilchen aufgespaltenen Kohlenhydrate, in die Zellen geschafft werden. Migränebetroffene verfügen oft über eine schlechtere Glukose-Toleranz bzw. über eine verringerte Insulinsensitivität. Das klingt nicht gut, aber was heißt das genau?

  • Der Blutzuckerspiegel steigt nach einer Mahlzeit stärker an (postprandiale Hyperglykämie)
  • Insulin wird verspätet ausgeschüttet, dann aber verstärkt (latenter Hyperinsulinismus)
  • der Blutzuckerspiegel bleibt trotzdem erhöht (verringerte Insulinsensitivität)

Eine verringerte Insulinsensitivität oder auch Insulinresistenz bedeutet, dass der Körper in Bezug auf Insulin abgestumpft ist und mehr Insulin notwendig ist, um eine bestimmte Menge an Kohlenhydraten zu verstoffwechseln. Eine erhöhte Insulinmenge führt in der Regel aber zu einem schnellen Absinken des Blutzuckers. Unterzuckerungen (Hypoglykämien) treten auf. Das Gehirn bekommt das Signal ‚zu wenig Zucker im Blut‘ und hat Angst zu verhungern. Es schickt also seinen Menschen auf die Suche nach Energie. Und was liefert sofort Energie?

Richtig!!! (Schnelle) Kohlenhydrate.

Oder hast du schon mal jemanden gesehen, der im Blutzuckerspiegel-Tief auf der Suche nach Brokkoli war?

Eben! Wir essen also Kohlenhydrate und das Spiel fängt von vorne an. Wir sind gefangen in einem Teufelskreis.

Insulin spielt eine Schlüsselrolle

Auf wissenschaftlich heißt das: „Hyperinsulinismus führt bei kohlenhydratreicher Ernährung zu häufigen Hypoglykämien“. Das Insulin spielt eine Schlüsselrolle bei Blutzuckerschwankungen. Zahlreiche Untersuchungen [3] konnten nachweisen, dass Migräne-Betroffene verstärkt unter Unterzuckerungen leiden. Eine Ernährung reich an Kohlenhydraten ist bei uns leider die normale Ernährungsweise.

Es ergeben sich deshalb Situationen, die (chronische) Migräne begünstigen können.

  1. Temporärer Energiemangel: Die nicht adäquate Verstoffwechselung der Kohlenhydrate kann zu einem Energiemangel im Gehirn führen. Deshalb ist das Gehirn der Betroffenen oft überfordert, wenn es Situationen ausgesetzt ist, die mehr Energie benötigen.
  2. Überlastung der Hormonsysteme: Der Körper muss Extremzustände wie zu wenig und zu viel Glukose im Blut immer regulieren. Der Organismus ist also gezwungen, mit einer verstärkten Ausschüttung von Stresshormonen gegenzusteuern. Passiert dies über Jahre, dann können Hormondrüsen wie Bauchspeicheldrüse oder Nebennieren erschöpfen. Dieses hat fatale Folgen für die Energieversorgung der Zellen und das allgemeine Wohlbefinden. Außerdem ist dies permanenter Stress für den Körper. Eine chronische Migräne kann sich entwickeln. Aber auch Depressionen, schlechter Schlaf, Herzrasen und Bluthochdruck sind häufige Begleiterscheinungen.

Ein Ausweg aus dem Insulin-Teufelskreis mit all seinen Folgen besteht dann logischerweise darin, wenig(er) Kohlenhydrate zu essen. Womit wir zu den verschieden stark ausgeprägten Low Carb (kohlenhydratreduzierten) Diäten kommen.

Kohlenhydratreduzierte Diäten

Im Folgenden schauen wir uns die üblichen Low Carb Ernährungsweisen und ihre Wirkungen auf Migräne an.

LOGI Ernährung

Eine moderate Form einer kohlenhydratreduzierten Ernährung ist die LOGI Ernährung. LOGI ist die Abkürzung von Low Glycemic and Insulinemic Index. Diese Ernährungsweise wurde von Dr. Nicolai Worm [5], einem Ernährungswissenschaftler, für Menschen mit Insulinresistenz entwickelt. Eine Insulinresistenz ist oftmals die Vorstufe zu Diabetes Typ 2. Diese Ernährungsform empfiehlt ausschließlich Lebensmittel mit einem niedrigen glykämischen Index. „Schnelle Kohlenhydrate“ sollen gemieden werden. Der Vorteil ist hier, dass Blutzucker- und Insulinspiegel niedrig bleiben und Stress durch Blutzuckerschwankungen reduziert wird.

LCHF Ernährung

Die LCHF (low carb high fat) Diät ist eine Ernährung mit wenig Kohlenhydraten und reichlich gesunden Fetten. Zu den LCHF-Pionieren zählen die schwedische Ärztin Annika Dahlqvist und ihr Landsmann Sten Sture Skaldeman. Es ging ihnen vorrangig darum zu vermitteln, dass die weitverbreitete Angst vor natürlichem Fett unbegründet war. Darüberhinaus wollten sie die Menschen für eventuelle schädliche Folgen eines ständig erhöhten Kohlenhydratkonsums sensibilisieren [6]. LCHF besteht nur aus 3 Regeln:

  1. Weniger Kohlenhydrate: vor allem in Form von Gemüse und Beeren
  2. Mehr gesunde Fette: an die Stelle der Kohlenhydrate treten gesunde und natürliche Fette – die Proteinmenge ist moderat
  3. Hohe Qualität: natürliche, unverarbeitete Lebensmittel bevorzugt aus ökologischem Landbau und artgerechter Tierhaltung

Je nach täglich erlaubter Kohlenhydratmenge gibt es verschieden strenge Formen von LCHF. Die Vorteile der moderaten Formen sind in Hinblick auf Migräne analog zur LOGI Ernährung. Insulin- und BlutzuckerspiegeI bleiben niedrig. Blutzuckerschwankungen fallen gering aus und reduzieren Stress. In seiner strengsten Ausprägung ist LCHF ketogen.

Ketogene Ernährung

Die ketogene Ernährung ist die strengste Form der Kohlenhydratrestriktion. Sie ist dadurch definiert, dass der Körper in der Leber vermehrt kleine Moleküle, die Ketonkörper, bildet. Die Ernährung ist also ketonkörper-generierend.

Merkmale einer ketogenen Ernährung:

  • Sehr geringer Kohlenhydratanteil
  • Minimale Insulinausschüttung
  • Verstärkte Fettverbrennung
  • Verstärkte Produktion von Ketonkörper

Ketonkörper werden aus Fettsäuren gebildet und dienen u.a. als (Ersatz-) Brennstoff. Es stimmt übrigens nicht, dass das Gehirn nur Zucker verstoffwechseln kann. Es kann auch Ketonkörper als Energie verwenden. Für diese gibt es sogar einen eigenen Transporter [7].

Die ketogene Diät wurde bereits vor 100 Jahren recht erfolgreich bei Epilepsie angewandt. Zur Migräne-Prophylaxe werden von der Schulmedizin übrigens auch Epilepsie-Medikamente empfohlen…

Unterschiedliche Wirkungsweisen

Die verschiedenen Low Carb Ernährungsformen wirken unterschiedlich auf die Migräne. Bei der Reduktion von (schnellen) Kohlenhydraten kommt die positive Wirkung auf die Migräne vor allem durch den stabilen Blutzuckerspiegel, der einerseits dafür sorgt, dass Unterzuckerungen und somit temporäre Energiedefizite nicht mehr auftreten und so dem Gehirn immer ausreichend Energie zur Verfügung steht. Und andererseits führen weniger Blutzuckerschwankungen zu einer Beruhigung des Hormonsystems. Unser Körper ist nicht mehr so gestresst, weil er nicht mehr ständig gegenregulieren muss und spart dadurch Energie.

Ein Riesenvorteil bei der ketogenen Ernährung ist, dass wir metabolisch flexibel werden. D.h. der Körper lernt bei einem sehr geringen Kohlenhydratangebot auf den Fettstoffwechsel zuzugreifen. Da unsere körpereigenen Kohlenhydratspeicher sehr begrenzt, unsere Fettspeicher hingegen mehrere Wochen reichen, steht immer ausreichend Energie zur Verfügung. Das Gehirn nutzt die Ketonkörper als alternative Energiequelle. Bei Migränebetroffenen konnte in Hirnscans eine verminderte Zuckerverwertung gezeigt werden. Wenn es ein Problem mit dem Glukosestoffwechsel gibt, dann können alternativ Ketonkörper verwendet werden. Ketonkörper wirken außerdem antientzündlich. Bei Migräne wird auch eine entzündliche Ursache vermutet.

Wie fange ich an?

Am besten ganz behutsam. Nehmen wir dem Körper seine gewohnte Energiequelle weg, dann ist er not amused. Viele Betroffene reagieren auf einen rigiden Kohlenhydratentzug mit verstärkter Migräne und körperlicher Schwäche. Deshalb heißt es, langsam starten. Anfangs vielleicht nur die „schnellen Kohlenhydrate“ weglassen oder eine Mahlzeit kohlenhydratärmer gestalten. Ein Kohlenhydratjunkie braucht unter Umständen Wochen oder Monate bis er sich an eine kohlenhydratarme Ernährung angepasst hat. Wichtig! Gesunde Fette nicht vergessen!

Professionelle Unterstützung

Falls du unter Migräne leidest und der Ernährung eine Chance geben möchtest, dir aber nicht sicher bist, ob das wirklich das Richtige für dich ist. Oder wenn du dich fragst, woher du die Energie nehmen sollst, dich nun auch noch um deine Ernährung zu kümmern. Oder du nicht weißt, worauf du bei einer kohlenhydratreduzierten Ernährung achten musst, dann findest du HIER mein Angebot. Zusammen finden wir für dich eine „migränegünstige“ Ernährungsweise, die genau in dein Leben passt!

Studien und Literatur

[1] DGN, Leitlinien „Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne“, 2018

[2] Rainero, I. et al. Insulin sensitivity is impaired in patients with migraine. Cephalalgia, 2005, volume 25 – issue 8

[3] Kokavec A. Migraine – A disorder of metabolism? Medical Hypotheses, 2016, volume 97, 117 – 13

[4] Mersch, P. Migräne – Heilung ist möglich. Books on demand

[5] Worm, N. LOGI-Methode – Glücklich und schlank. Mit viel Eiweiß und dem richtigen Fett. Systemed

[6] lchf.de

[7] wikipedia.org/wiki/Monocarboxylat-Transporter_1

[8] Kim JH et al. Interictal metabolic changes in episodic migraine. Cephalalgia, 2010; 30; 53 – 61